- Produkte
- Branchen
- Lösungen
-
Info-Center
-
Branchenwissen
- Vorteile von Lithium-Batterien
- Lithium-Batterien als Gefahrenquelle
- Defekt, Brand und Explosion
- Richtlinien und Gesetze zum Transport von Lithium-Batterien
- DIN SPEC 91489: Anforderungen an Brandbegrenzungsdecken für den Einsatz bei E-Autos
- Versandklassen von Lithium-Ionen-Akkus / Lithium-Batterien
- Empfehlungen zur Lagerung von Li-Ionen-Akkus vom GDV e.V.
- Überblick über wichtige Akku-Typen und Technologien
-
Branchenwissen
- Unternehmen
- Kontakt
- Online-Shop
Lithium-Ionen-Brandschutz
Lithium-Ionen-Brandschutz bezeichnet die Gesamtheit technischer, organisatorischer und baulicher Maßnahmen zur Vermeidung, Eindämmung und Bekämpfung von Bränden durch Lithium-Ionen-Akkus und -Batterien. Auslöser ist typischerweise das thermische Durchgehen (Thermal Runaway) – eine sich selbst verstärkende exotherme Reaktion in der Zelle, ausgelöst durch mechanische Beschädigung, Überladung, Tiefentladung, Kurzschluss oder Fertigungsfehler.
Warum Lithium-Ionen-Akkus besondere Schutzmaßnahmen erfordern
Anders als bei klassischen Bränden lässt sich ein Lithium-Ionen-Brand nicht durch Sauerstoffentzug ersticken: In der finalen Phase des thermischen Durchgehens setzt die Kathode chemisch gebundenen Sauerstoff frei, sodass die Reaktion unabhängig von der Umgebungsluft fortbesteht. Charakteristisch sind hohe Temperaturen, die Freisetzung brennbarer und toxischer Gase sowie die Gefahr der Rückzündung Stunden nach dem vermeintlichen Löschen. Schutzkonzepte zielen daher auf Kühlung, Eindämmung und Abkapselung, nicht auf klassisches Ablöschen.
Phasen des thermischen Durchgehens
Der Zersetzungsprozess einer Zelle durchläuft charakteristische, zeitlich komprimierte Phasen:
- Zersetzung der SEI-Schutzschicht – beginnt bereits bei ca. 80–120 °C; erste leichte Gase.
- Elektrolyt-Zersetzung und Verdampfung – Druckaufbau, Aufblähen der Zelle, Austritt brennbarer Gase über das Sicherheitsventil (Venting).
- Separator-Schmelzen – interner Kurzschluss, schlagartige Umwandlung der gespeicherten Energie in Wärme.
- Kathoden-Zersetzung – Freisetzung von gebundenem Sauerstoff; das Feuer brennt autark weiter.
Breitet sich das Durchgehen auf benachbarte Zellen eines Packs aus, spricht man von Thermal Propagation – einer Kettenreaktion konsekutiver Zellbrände.
Branddynamik nach Zellchemie
Onset- und Maximaltemperaturen hängen maßgeblich von der Kathodenchemie ab. Dies ist für die Auslegung von Brandschutzkonzepten entscheidend:
| Zellchemie | Onset-Temperatur | Maximaltemperatur | Gasmenge (18650-Zelle) |
|---|---|---|---|
| LCO / NMC (Cobalt bzw. Nickel-Mangan-Cobalt) | 149–170 °C | bis ca. 853 °C (± 24 °C) | ca. 150–270 mmol |
| LFP (Lithium-Eisenphosphat) | ca. 195 °C (± 8 °C) | ca. 404 °C (± 23 °C) | ca. 50 mmol |
Wichtig bei LFP: Die thermisch stabileren LFP-Zellen brennen seltener mit offener Flamme. Dadurch können sich austretende, hochkonzentrierte Gase unverbrannt im Raum oder Schrank ansammeln – mit erhöhtem Risiko einer verzögerten Gasexplosion (Rauchgasdurchzündung / Backdraft) beim Öffnen. Offene Flammen setzen die Gase dagegen sofort um und senken so die Explosionsgefahr.
Toxische und explosive Venting-Gase
Das beim Durchgehen austretende Gasgemisch ist sowohl explosiv als auch hochtoxisch:
| Gas | Eigenschaft / Gefahr | Gemessene Spitzenkonzentration |
|---|---|---|
| Kohlenstoffmonoxid (CO) | hochgiftig, blockiert Sauerstoffaufnahme im Blut | bis 10.000 ppm |
| Kohlenstoffdioxid (CO2) / Wasserstoff (H2) | H2 hochentzündlich, Hauptursache für Sekundärexplosionen | CO/CO2/H2 zus. ca. 80 % der Gasmasse |
| Fluorwasserstoff (HF) | extrem toxisch, stark ätzend (Flusssäure), greift Atemwege, Elektronik und Bausubstanz an | bis 500 ppm |
| Methan (CH4) / Ethen (C2H4) | brennbar, erhöhen das Explosionspotenzial | je bis 2.000 ppm |
In schlecht belüfteten Räumen sind Sicherheitsschränke daher mit Abluftanschluss an eine technische, vorzugsweise Ex-geschützte Abluftführung anzuschließen.
Schutzkonzepte
Passiver Brandschutz
Feuerwiderstandsfähige Lager- und Ladeschränke, Container und Brandbegrenzungsdecken, thermische Isolation der Fachböden, dicht schließende Fugen zur Sauerstoffreduktion sowie definierte Brandabschnitte.
Aktiver Brandschutz
Detektions- und automatisierte Löschsysteme, telemetrische Frühwarnung (Rauch-/Temperatur- sensorik, VdS-konforme Alarmweiterleitung) sowie geeignete Feuerlöscher.
Havarie- und Bergemaßnahmen
Behälter und Verfahren für die sichere Aufnahme, Quarantäne und Abkühlung beschädigter oder thermisch auffälliger Akkus.
Wirksamkeit von Löschmitteln
Sauerstoffverdrängende Löschmittel (CO₂, Pulver, Schaum) wirken kaum auf die zellinterne Reaktion, da der Sauerstoff aus der Kathode selbst stammt. Der wirksamste Ansatz ist die massive, ausdauernde Kühlung, um benachbarte Zellen unter die kritische Onset-Temperatur (z. B. unter 150 °C) zu halten und die Propagation zu stoppen. Wasser gilt bei Großbränden wegen seiner hohen Wärmebindungskapazität als Mittel der Wahl der Feuerwehren. Im präventiven Betrieb setzt der Stand der Technik auf löschmittelfreie Brandeindämmung: kontrolliertes Ausbrennen in thermisch isolierten, gasdicht schließenden Schränken sowie Brandbegrenzungsdecken aus hitzebeständigem Spezialgewebe (z. B. Glasfaser) für den manuellen Eingriff.
Normative und regulatorische Grundlagen
- VDMA 24994:2024-08 – Prüfanforderungen für Lager-/Ladeschränke; testet Brand von innen und außen inkl. realem Thermal-Runaway-Test (Typklasse I); aktueller Stand der Technik.
- DIN EN 14470-1 – feuerwiderstandsfähige Schränke (Typ 90); Schutz nur von außen nach innen.
- VdS 3103 – Schadenverhütung bei der Lagerung von Lithium-Batterien.
- ADR (Klasse 9, Code 9A) / UN 38.3 – Gefahrgut- und Prüfvorschriften für den Transport.
- DGUV Information 205-041 – Brandschutz beim Umgang mit Lithium-Ionen-Batterien.
Hinweis: Regelwerke werden fortgeschrieben. Maßgeblich ist die jeweils aktuell gültige Fassung.
Abgrenzung
Lithium-Ionen-Brandschutz ist nicht gleichzusetzen mit allgemeinem betrieblichem Brandschutz: Übliche Löschkonzepte (z. B. CO₂-Flutung) sind nur eingeschränkt wirksam. Der Schwerpunkt liegt auf der Beherrschung des thermischen Durchgehens, nicht auf Lagerorganisation allein.
Häufige Fragen
Was ist die größte Gefahr bei einem Lithium-Ionen-Brand?
Das thermische Durchgehen mit hohen Temperaturen, toxischen und explosiven Gasen und der Gefahr der Rückzündung – auch Stunden nach dem ersten Löschversuch.
Warum reicht ein normaler Feuerlöscher nicht aus?
Weil die Kathode intern Sauerstoff freisetzt und der Brand nicht durch Sauerstoffentzug erstickt werden kann. Wirksam ist vor allem Kühlung.
Welche Temperaturen entstehen beim thermischen Durchgehen?
Je nach Zellchemie: NMC/LCO-Zellen bis ca. 853 °C, LFP-Zellen ca. 404 °C. Die Onset-Temperatur liegt bei NMC/LCO bei 149–170 °C, bei LFP bei ca. 195 °C.
Welche Gase werden freigesetzt?
Vor allem CO, CO₂, Wasserstoff, Fluorwasserstoff (HF) sowie Methan und Ethen. HF ist extrem toxisch und ätzend; Wasserstoff ist Hauptursache für Sekundärexplosionen.
Sind LFP-Zellen sicherer als NMC-Zellen?
Thermisch stabiler ja, aber sie gasen oft flammenlos aus – dadurch steigt das Risiko einer verzögerten Gasexplosion (Backdraft) durch unverbrannte Gasansammlung.
Vertiefende Fachseiten: Lagerung von Lithium-Ionen-Akkus · Transport von Lithium-Ionen-Akkus.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: [03.06.2026]